Status quo

August 22nd, 2011 § 2 Kommentare

Der HSV ist auf Platz 1. Platz 1 der Chancenauswertung (s. aktueller “Kicker”) mit 60% Verwertung. Klingt super, Effizienz wird an vielen Stellen angestrebt. Der HSV erreichte das sogar mit minimalem Aufwand – 5 Chancen.

Muss man dazu noch was sagen? Es wäre unvernünftig gewesen, sich aus den ersten 3 Partien mehr auszurechnen, als das Unentschieden gegen Hertha BSC. Erschreckend ist dagegen das Auftreten des angeblich ‘neuen’ HSV. In 3 Spielen sich lediglich 5 Chancen herauszuarbeiten, hat mit Bundesligazugehörigkeit wenig zu tun, auf einen solch gleichbleibend hohen Wert bei der Verwertung kann niemand hoffen – wäre ja auch Blödsinn.

Doch es ist beängstigend zu sehen, wie Mancienne und Bruma in der Innenverteidigung die Bundesligaeingewöhnung in der Hardcore-Variante bekommen, die Hilflosigkeit des Nationalspielers Aogo gegen Robben, das ewige Ballgeschleppe Jarolims und Westermann, der so scheint es auf jeder Position eingesetzt werden könnte, er würde es trotzdem hinbekommen einen Bock zu schießen, der sein ganzes Spiel in der Abrechnung hinunterzieht. Oenning sollte als Trainer eigentlich der Turm in der Schlacht sein, Optimismus ausstrahlen und auf Zeit plädieren, doch er wirkt vor allem ratlos. Ratlos ob des momentanen status quo, eine Unruhe scheint den ganzen Verein zu lähmen. Auf der einen Seite das ewige Nachgetrete in Richtung Bernd Hoffmanns und die Abwälzung aller Finanzprobleme auf diese Schuldigen, doch ohne selbst patente Lösungen anzubieten. Ein Jarchow liegt auch in Sachen Ausstrahlung und Wirkung noch weit hinter Hoffmann, er scheint für mich lediglich beliebig, doch ist das wirklich richtig so? Auf der anderen Seite die Skeptiker (oder mittlerweile Realisten?):
Gelingt der Umbruch, was kann Oenning wirklich leisten, warum zieht Arnesen so viele Spieler von Chelsea herüber?

Mitunter ist zu beobachten, dass ein Team die Philosophie des Trainers noch nicht in Gänze verstanden hat oder umsetzen kann. Beim HSV ist davon derzeit nichts zu sehen, dazu gesellen sich wilde Personalrochaden seitens Oennings bei der verzweifelten Suche nach einer Idealformation. Gegen Dortmund wurden wir abgekocht in allen Bereichen, sahen die halbe Stunde, als Dortmund längst zurückgeschaltet hatte, als unsere starke Phase, erwiesen uns gegen den Aufsteiger (!) aus Berlin im Heimspiel absolut hilflos und im Spiel gegen den FC Bayern wollte man irgendwie zu jeder Zeit hinuntergehen, jeden Spieler trösten, und ihm vorschlagen es doch mal an einem anderen Tag zu probieren. Gegen Bayern haben schon andere Teams verloren, aber nicht auf diese Art und diese Weise. Gladbach hat erst kürzlich demonstriert, dass man in München sogar gewinnen kann.

Von derlei Träumen ist der HSV weit entfernt. Die Fans umschwirrt immer noch der Ruf des europäischen Wettbewerbs, der Schuldengeist kriecht in die Trikots und über den Köpfen schwebt das (von vielen befürchtete) Damoklesschwert Abstieg. Undenkbar – das war einmal. Das ist der status quo, der HSV sollte alle Ambitionen für die obere Tabellenhälfte weit zurückstellen, es gibt andere Prioritäten.
Die nächsten Spiele müssen zeigen, inwiefern unter Oenning ein Aufwärtstrend der Mannschaft erkennbar ist, doch in 11 Spielen als Trainer nur ein Sieg, nein, das kann keine Empfehlung sein. Ich persönlich bezweifel, dass er dieser großen Aufgabe gewachsen ist, allerdings wächst man bekanntlich mit seinen Aufgaben. Doch dafür wird nicht genügend Zeit sein, denn dann befände sich der HSV wirklich dauerhaft im Abstiegskampf, was sicher nicht die Zielstellung des Umbruchs war.
Beim Patienten HSV muss die Therapie von Oenning wirken, sonst muss der Chefarzt Arnesen eingreifen. Um in diesem Bild zu bleiben, das Ganze wirkt zurzeit gleich einer Operation am offenen Herzen, da enorm viel auf dem Spiel steht.

Was sollen aber gerade die jungen Spieler denken, wenn der Kapitän in einem Freundschaftsspiel von den eigenen Fans ausgepfiffen wird? Wenn die Pfiffe irgendwann auf die gesamte Mannschaft projiziert werden? Sollte der HSV die jüngst gezeigten ‘Leistungen’ auch zukünftig bestätigen, wird das Klima ganz besonders rau. Ein Skjelbred wurde im Heimspiel (grippegeschwächt!) in’s kalte Wasser geworfen, saß in München dann nur draußen, ein Bruma muss ohne Vorbereitung in der Innenverteidigung eingespielt aussehen und ein Elia soll wohl völlig demoralisiert werden, oder warum wird er bei einer Nichtberücksichtigung für die Startelf (verdient) in der 87. Minute beim Stande von 0:5 eingewechselt? Das alles sind kleine Puzzleteile, die anzeigen, dass vieles im Argen liegt. Was noch halbwegs erträglich wäre, wenn wenigstens der Trainer kompetent wirken würde. Leider ist das im Moment nicht der Fall, und so wird auch Arnesen in die Schusslinie gezogen, der vor der Saison verkündete, Oenning habe ihn konzepttechnisch überzeugen können. Dieses Konzept ist momentan nicht zu sehen.
Nach der Niederlage in München sollen übrigens neue Mittel für Transfers bewilligt worden sein, Gerüchten zufolge verpflichtet der HSV den Innenverteidiger Rajkovic vom FC Chelsea. Kolportiert sind da 3 Millionen Euro Ablöse, was ich mir im Leben nicht vorstellen kann, so man die immer wiederkehrenden Betonungen mangelnder Liquidität seitens der Hamburger Offiziellen berücksichtigt.

Ich würde ja gerne behaupten, dass wir uns überraschen lassen sollten. Angesichts des status quo kann das aber vergessen werden, die Lage ist zu prekär. Panik zu schüren, ist trotzdem nicht der richtige Weg. Im Falle einer ausbleibenden Verbesserung der mannschaftlichen Leistung, muss dann wohl wieder die Stellschraube gedreht werden, die wir beim HSV gut kennen: Die Trainerposition. Vielleicht besinnt sich der HSV aber auch in den nächsten Spielen. Wobei – sieht irgendwer Vorzeichen dessen?

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§ 2 Antworten auf Status quo

  • TobiTatze sagt:

    Das ist schon merkwürdig. Den Text hätte ich so vOr einem Jahr schreiben können. Ich meine den Tenor, nicht den Wortlaut.
    Eins scheint jetzt schon klar: es wird eine schwere Saison für den HSV. Vor allem, weil sich die Überraschungsteams der letzten Saison ebenfalls keine blöße zu geben scheinen.
    Wie man sieht ist die Qualität einzelner Spieler immer weniger Wert, wenn das Team nicht funktioniert. Andersherum sind sie umso mehr Wert, wenn es funktioniert. Die Qualität der Spieler stimmt. Von einem Team ist der HSV aber derzeit meilenweit entfernt. So mein Eindruck aus der Ferne. Glück Auf!

  • Jekylla sagt:

    Ich gebe zu, ein mittelgroßes Lächeln umspielte meine Lippen, als ich mir dieses Spiel am Freitag ansah. Das liegt wohl aber in der Natur der Dinge.
    Aber so objektiv wie möglich betrachtet: es war der dritte Spieltag. Der dritte Spieltag in der Mission “Umbruch”. Ich glaube viele HSV-Fans verwechseln das mit “sofortiger Erfolg der Maßnahme”. Wie kann man denn schon heulen und wehklagen, wenn ein brandneues Konzept (mit jungen unerfahrenen Spielern) nicht gleich zu Beginn einschlägt? Ich finde, es wird viel zu schnell Trainer raus gerufen, es wird viel zu schnell gepfiffen (gerade bei Freundschaftsspielen) und die Angst vor dem Abstiegskampf lähmt alle.

    Ich finde es -ehrliche Meinung- nicht schlecht, dass die Selbstverständlichkeit des unabsteigbaren HSV zumindest phasenweise in Frage gestellt wird. Das tut dem überhöhten Anspruchsdenken einiger ganz gut. Vielleicht kann man sich dann wieder wirklich freuen, wenn es dann doch aufwärts geht. Wenn der Plan funktioniert.

    Wir z.B. haben jetzt gerade mal einen guten Lauf. Prima. Den hatten wir auch in der Hinrunde erste Liga. Und haben dann komplett versagt. Niemand wird sich also wundern, wenn sich umgekehrt der HSV an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht und die Dinge auf einmal ganz anders laufen. Ich habe zwar noch nie ein Pferd kotzen sehen, aber den HSV auch noch nicht absteigen. Gehe davon aus, dass es besser wird. Für finalen Fatalismus ist es weiß Gott zu früh.

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