Euphoriebremse

17. September 2012 § 3 Kommentare

Nein, die Partie in Frankfurt lieferte nicht den erhofften Befreiungsschlag für den Hamburger Sportverein.
Nach 90 Minuten mit Höhen, vor allem aber Tiefen und am Ende nur noch 10 Mann, steht für die Hamburger eine 2:3-Auswärtsniederlage in den Büchern.
Dabei sollte Partie Eins mit Rafael van der Vaart doch die Wende bringen, aber auch der Niederländer ist kein Heilsbringer, beim HSV existieren nach wie vor zu viele Fragezeichen.

Hamburger Trauer Bildquelle: facebook.com/hsv witters

Zwei Wochen Länderspielpause hatten in Hamburg eine gewisse Euphorie und Aufbruchstimmung entstehen lassen, es mehrten sich die Stimmen, die von der Europa-League als neuem Ziel sprachen.

Wie lauten Ihre Ziele für diese Saison? In Hamburg herrscht ja schon Abstiegsangst. 
Für mich persönlich geht es darum, zu spielen und dem Team zu helfen. Von uns als Mannschaft erwarte ich klar einen Europa-League-Platz, das ist das Ziel! Mein Eindruck ist, dass es im Team stimmt und wir gut vorbereitet sind. Es muss halt nur der Knoten platzen.

Quelle: Rudnevs in der MoPo

Dementsprechend trat die Mannschaft auch auf, nur leider im negativen Sinne.
Fahrige und passive Anfangsminuten brachten den HSV früh in Bedrängnis, erst durfte Inui nach C-Jugend-Wackler gegen unsere Verteidigung technisch anspruchsvoll rechts unten einschlenzen, dann münzte Occean eine eigentlich schlechte Ecke in eine 2:0-Führung um.
Auch beim zweiten Gegentor sah die Defensive beängstigend hilflos aus, von falschem Stellungsspiel bis “am Ball vorbeitreten” (Mancienne) war da alles in der Verlosung. Mitten drin, wie immer, Rene Adler – die ärmste Sau auf dem ganzen Platz.

Nach einer guten Viertelstunde hatte Frankfurt also die brutalstmögliche Euphoriebremse gezogen und auf dem Platz standen 11 Hamburger, die nicht recht wussten, wie ihnen geschah. Anstatt sich in ihr Schicksal zu fügen, gab die Mannschaft nicht auf, übte endlich Druck auf das Frankfurter Aufbauspiel aus und konnte über Badelj und van der Vaart gefährliche Konter fahren. Nach Zuckerpässen der beiden Genannten versemmelten Son und Rudnevs ihre Großchancen, wobei in erster Linie Trapp für die Eintracht sensationell parierte, sehenswert wie er per Reflex den angedachten Tunnel von Rudnevs verhinderte. Aus eigenem Spielaufbau heraus blieb der HSV jedoch erneut harmlos. Früh korrigierte Fink die Aufstellung, nahm Mancienne nach einer halben Stunde heraus, zog Bruma nach innen und wollte mit Diekmeier auf rechts ein Zeichen setzen sowie die rechte Seite beleben.
Die Möglichkeiten zum Anschlusstreffer waren da, aber es sollte bis zur 45. Minute dauern: Eine langgezogene Ecke von unserer Nummer 23 wurde von Rudnevs in den Fünfer geköpft, wo Kapitän Westermann die Murmel in’s Netz drosch.
Hoffnung keimte auf, und wieder trat jemand auf die Euphoriebremse, diesmal in Person von Schiedsrichter Wolfgang Stark.

Am Frankfurter Strafraum ging Jiracek mit gestrecktem Bein in einen Zweikampf, kassierte dafür aber die Rote Karte. Einerseits geht er zwar “mit der Sohle voran” und nimmt so ein Verletzungsrisiko in Kauf, andererseits hätte man auch eine Gelbe Karte vertreten können, so zumindest meine Meinung.
Und so mühte sich der HSV im zweiten Durchgang in Unterzahl, kassierte nach erneut luschig, naivem Abwehrverhalten durch die Höchststrafe Lupfer das 3:1.
Zwar konnte Son abgebrüht verkürzen (nach Vorlage van der Vaart), Diekmeier hatte sogar den Ausgleich auf dem Fuß, aber er schoss nur den Frankfurter Keeper an und so blieb es bei der Niederlage.

Für Trainer Thorsten Fink, der vor der Halbzeit von Stark auf die Tribüne geschickt wurde, bleiben viele Fragezeichen und eine Menge Arbeit.
Eine stabil verteidigende Abwehrkette ist derzeit nicht vorhanden, eventuelle Verstärkungen wie Paul Scharner nicht einsatzbereit (Innenbandriss).
Das angedachte Trio Jiracek-Badelj-van der Vaart wurde auch gleich wieder gesprengt und passender Ersatz für Jiracek (Rincon, Kacar) ist derzeit auch verletzt. Die Stürmer des HSV haben bis auf Son noch nicht getroffen, und der wird eher im rechten Mittelfeld eingesetzt.

Offensichtlich muss der HSV noch an einer Spielphilosophie arbeiten, es reicht nicht den Ball zum Niederländer zu spielen und gleichzeitig ein Stoßgebet zu sprechen. Bis dato ist es Fink noch nicht gelungen, die Doppelsechs des HSV feinfühlig abzustimmen. Aus meiner Sicht geht Jiracek noch zu oft nach vorne und lässt hinten Badelj versauern, obwohl es eigentlich die Aufgabe des Kroaten wäre, den Ballvortrag zu übernehmen. Theoretisch müsste Jiracek den defensiven Part spielen, während Badelj als Schaltspieler zwischen Jiracek und “Neuneinhalb” van der Vaart agiert.
Natürlich ist das Trio noch nicht lange an der Elbe, aber der HSV muss langsam anfangen zu liefern, eine Integration muss hier im laufenden Spielbetrieb funktionieren, sonst ziehen dunkle Wolken auf. Die jüngst erworbene Rote Karte von Jiracek ist da sicher alles andere als hilfreich.
Für Fink gibt es zukünftig keine Ausreden mehr. Letztes Jahr hatte er eine Spielidee (abfallender Sechser für den Spielaufbau), aber nicht die geeigneten Spieler.
Dieses Jahr verfügt er über einen speziell im Mittelfeld extrem aufgewerteten Kader, lässt bis jetzt jedoch eine Spielidee gänzlich vermissen.

Es stimmt noch nichts im Gesamtpaket. Lediglich Adler überragt, ansonsten bleiben viele Spieler unter ihren Möglichkeiten oder werden nicht sinnvoll eingebunden. Das zentrale Mittelfeld und die Stürmer hatte ich eben bereits aufgeführt und auch das Außenspiel ist aktuell nicht vorhanden. Hinten links ist Aog0 außer Form (und mit schlechten Blutwerten auf der Tribüne), hinten rechts gibt es keinen klaren Startelfkandidaten. Ein Jansen punktet mit eindimensionalem, aber kompromisslosem Linienspiel, ist bei fehlender Einbindung leider nur wirkungslos und auf rechts überzeugt Son nicht, auf eine Gelegenheit für Beister muss man noch warten. Ilicevic, im Normalfall eine technisch versierte Alternative, scheint in diesen Tagen auch nicht reif für die Startelf.

Für die Hamburger und insbesondere Fink gibt es keine Zeit zum Verschnaufen. Schon am Samstag kommt der amtierende Deutsche Meister nach Hamburg, danach warten Gladbach und Hannover. Die Situation könnte schwieriger nicht sein.
Vor allem aber gilt: Weniger von der Europa-League träumen, sondern erstmal mehr Fußball spielen. Zumindest damit anfangen..

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§ 3 Antworten auf Euphoriebremse

  • jekylla sagt:

    Ich habe mir das Spiel auf der großen Leinwand in einer Sky-Kneipe angesehen, in erster Linie, weil ich unsere Ex-St.Paulianer bei Frankfirt observieren wollte. Und natürlich Ihren Heilsbringer. Ich habe Frankfurt sehr druckvoll nach vorne gehen sehen, hinten allerdings auch risikoreich weit offen, was durchaus nutzbarer gewesen wäre, als der HSV das getan hat. Den Herrn HSVanderVaart habe ich selbstverständlich auch genauer begutachtet, fand ihn aber den Erwartungen nicht angemessen eher noch blass. Von der Vorlage abgesehen.

    Brutalst nachlässig war leider unser Ex Carlos “Carsten” Zambrano und das gleich zwei Mal. Mindestens eins der Tore für den HSV war quasi braunweiß.

    Wie auch immer, wenn ich das Wort Europaliga und HSV im Moment in einem Satz höre, muss ich immer schmunzeln. Bei Ihnen dürfte das statt eines Schmunzlers eher ein schmerzhaft das Gesicht verziehen sein.
    Von der Position jetzt und mit den Aufgaben, die direkt jetzt kommen, ist das schon … ambitioniert.

    Immerhin haben sie nach dem 2:0 zu zehnt nicht aufgesteckt, das gabs ja auch schon in anders.

  • E. Griephan sagt:

    Das stimmt schon, es waren eher Frankfurter Fehler denn Hamburger Stärke, die uns fast noch einen Punkt verschafft hätten.

    Das Gerede von Europa löst doch mittlerweile fast nur noch Schreikrämpfe aus. Wie wäre es, wenn wir erstmal Spiele gewinnen würden? Wir können doch nicht dauernd mit der Schizophrenie von Wunsch und Realität zugleich leben, und spielen.

    • jekylla sagt:

      Ich glaube ja nicht -obwohl ich zugegeben manchmal drüber feixe, Sie mögen es mir verzeihen- dass der HSV absteigen wird. Berappeln werden sie sich schon, aber ob das für einstellig reicht? Ich weiss es nicht. Tja, Wunsch und Realität – da fehlt eben das Quentchen Demut, das jeder, der schon mal abgestiegen ist, kennt. Woher solls auch kommen?

      Ich persönlich erwarte ja lieber eher weniger, um dann positiv überracht zu werden, im besten Fall ;)

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